Für Menschen typische Verhaltensweisen

Für Menschen typische Verhaltensweisen

In diesem Artikel geht es darum mal die Begriffe zu betrachten, die scheinbar für viele nur für schwere Diagnosen von Persönlichkeitsstörungen stehen, wenn es doch an sich erst mal nur um für Menschen typische Verhaltensweisen geht.

Diese für Menschen typische Verhaltensweisen sind ganz normal und erlauben dem Menschen flexibles Verhalten. Erst ein dauerhaftes Zuviel wird zum Problem.

Für Menschen typische Verhaltensweisen

Es gibt viele, wirklich viele für Menschen typische Verhaltensweisen. Jede Verhaltensweise hat ein Ziel und dieses Ziel kann bewusst sein, wird aber sehr häufig unbewusst sein.

Durch diese Zielsetzung sind die vielen kleinen Verhaltensweisen gruppierbar und können zu Bündeln von Verhaltensweisen zusammengefasst werden, die ähnliche oder zusammengehörige Ziele erreichen werden.

Und offensichtlich können manche der Verhaltensweisen auch je nach Kontext und bewusster/unbewusster Absicht auch verschiedene Ziele erreichen. Diese Verhaltensweisen werden also in mehreren dieser Bündel zu finden sein.

So weit, so klar?

Ein Beispiel für ein Verhalten mit verschiedenen Absichten

Ein Beispiel: In einem – aus welchen Gründen auch immer – emotional gewordenen Gespräch kommt es immer wieder vor, dass ein Mensch das Gespräch einfach abbricht und somit die Kommunikation unterbindet. Prinzipiell ist es eine gute Sache, das Gespräch unterbrechen oder abbrechen zu können. Wenn die involvierten Emotionen zu stark werden um damit gut, gesund und ertragreich umgehen zu können, ist es wohl besser, das Gespräch abzubrechen oder zumindest zu unterbrechen. Die bewusste oder unbewusste Absicht ist, eigene Verletzungen und eigene irrationale Handlungen zu vermeiden.

Abhängig von der Natur und den Wertesystemen des Gesprächspartners kann diese Verhaltensweise den Gesprächspartner verärgern oder sogar verletzen. Wird nun diese Verhaltensweise gewohnheitsmäßig genau dafür verwendet, dann hat sich das Ziel der Verhaltensweise geändert. Das Ziel ist geworden den anderen zu „kontrollieren“, wenn es auch eine destruktive Art ist, den anderen in einen emotional verletzten Zustand zu bringen.

Höhere Ziele von Verhalten: Ziele von Zielen

Das höhere Ziel – also das Ziel des Ziels, das Ziel hinter dem Ziel – hinter der destruktiven Verhaltensweise kann nun sein, dass sich jemand im Vergleich zum anderen als der Bessere und Stärkere positionieren möchte. Damit passt diese Verhaltensweise in das Bündel der narzisstischen Verhaltensweisen.

Das höhere Ziel hinter der destruktiven Verhaltensweise kann zum Beispiel auch sein, das Gegenüber emotional zu involvieren, damit dieses Gegenüber versteht, wie man doch selbst ist und wie viel man ertragen muss. Damit passt die Verhaltensweise ebenso in das Bündel der histrionischen Verhaltensweisen.

Ein weiteres höheres Ziel könnte sein, dass der andere derart einfach lernen soll, manche Gesprächsthemen zu vermeiden. Diese Themen der Gespräche dienen einfach nicht den Zielen es Agierenden, und darum sollen diese Gespräche vermieden werden. Es geht nicht darum den anderen zu verletzen, jedoch soll er lernen nicht mehr darüber zu reden. Dann gehört die Verhaltensweise zum sogenannten macchiavellischen Bündel der Verhaltensweisen.

Wie wir sehen kann eine an sich gesunde und nötige Verhaltensweise in verschiedener Art und Zielsetzung eingesetzt werden und dann zu stark destruktiven Ergebnissen führen. Wird diese Verhaltensweise dann mit bewusstem oder unbewusstem System gegen jemanden eingesetzt führt sie zu echten Problemen. Und dann läuft diese Verhaltensweise unter den Namen „Ghosting“ oder „Stonewalling“.

Richtig, oft werden die Unterschiede zwischen Ghosting und Stonewalling diskutiert. Die für Menschen tpische Verhaltensweise dahinter ist dieselbe, das Ziel und der Kontext, in dem sie eingesetzt wird, mag unterschiedlich sein.

Bündel von Verhaltensweisen

In diesem Artikel sind schon drei Bündel von Verhaltensweisen genannt worden: Narzissmus, Histrionismus und Macchiavellismus.

Machiavellismus ist die zumeist negativ konnotiert und wird abwertend verwendete Bezeichnung für Verhalten, das zur Erlangung oder Erhaltung persönlicher Macht jedes Mittel unabhängig von Recht und Moral als gerechtfertigt sieht. Jede Art der Manipulation ist erlaubt, wenn sie zum Ziel führt.

Histrionismus zeichnet sich durch egozentrisches, dramatisch-theatralisches, manipulatives und extravertiertes Verhalten aus. Typisch sind extremes Streben nach Beachtung, übertriebene Emotionalität und eine Inszenierung von sozialer Interaktion.

Narzissmus steht alltagspsychologisch und umgangssprachlich im weitesten Sinne für die Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung eines Menschen, der sich für wichtiger und wertvoller einschätzt als seine Mitmenschen. In der Umgangssprache wird eine stark auf sich selbst bezogene Person, welche anderen Menschen geringere Beachtung als sich selbst schenkt, als Narzisst bezeichnet.

Die Liste dieser sogenannten Persönlichkeitsstörungen ist groß und heiß diskutiert. Sogar die medizinisch definierten Diagnosen des ICD-10-Katalogs ändern sich immer wieder mal. Darum möchte ich hier nicht weiter darauf eingehen.

Hier geht es darum, dass für jede dieser Kategorien ein typisches Bündel an Verhaltensweisen bekannt ist. Jede einzelne dieser Verhaltensweisen hat ein ursprünglich gutes, gesundes und ertragreiches Ziel. Jede dieser Verhaltensweisen ist zutiefst menschlich. Jeder von uns hat aus dem kollektiven Unbewussten heraus jede dieser Verhaltensweisen.

Jeder hat jede dieser Verhaltensweisen. Hat somit jeder die lange Zahl an Diagnosen aller Persönlichkeitsstörungen verdient?

Nein! Denn jede Verhaltensweise hat einen gesunden Ursprung. Gut, dass wir diese Verhaltensweisen beherrschen.

Diagnose von Persönlichkeitsstörungen

Persönlichkeitsstörungen (PS) stellen eine Klasse von psychischen Störungen dar. Bei ihnen sind bestimmte Merkmale der Persönlichkeitsstruktur und des Verhaltens in besonderer Weise ausgeprägt, unflexibel oder wenig angepasst. Sie gehören zu den häufigsten Diagnosen in der Psychiatrie.

Wikipedia zu „Persönlichkeitsstörung“

Wenn also jemand in besonderer Weise ausgeprägt, in besonderer Weise unflexibel und damit in besonderer Weise wenig angepasst in einem Bündel von für diese PS typischen Verhaltensweisen feststeckt und darin agiert, dann spricht man von einer Persönlichkeitsstörung.

Dann spricht man davon. Denn nur weil die Menschen darüber reden und sich ganze Gruppen drüber einig sind, dass jemand diese Diagnose verdient, erhält dieser jemand noch lange nicht die Diagnose der PS.

Denn die Gruppe kennt und sieht diese Person in einem Kontext. Und vielleicht noch in bestimmten Umständen in diesem Kontext. Für eine Diagnose allerdings muss das Leben der Person von diesen Verhaltensweisen über Kontexte und Umstände hinweg von diesem Bündel an Verhaltensweisen dominiert sein. Und es muss dauerhaft massive Probleme für den Menschen und dessen Umfeld geben.

Tatsächlich ist da sehr selten der Fall. Zum Glück und zurecht, meiner Meinung nach.

Persönliche Vorlieben und individuelle Disposition

Jeder von uns ist, wie er ist. Außer, dass wir uns über die Lebensabschnitte hinweg verändern und wir uns in verschiedenen Lebensbereichen und Kontexten anders verhalten und sich dieses Verhalten regelmäßig verändert. Und je nach konkreten Umständen sind wir noch mal anders.

Jeder von uns ist also, wie er ist. Aber nicht als unveränderliches Ding. Sondern als ein Prozess, der von vielen Parametern beeinflusst unglaubliche und oft überraschende Ergebnisse sowie manchmal sogar Wunder vollbringt.

Und jeder hat – als der Prozess, der er ist – verschiedene Erfahrungen gemacht. Diese Erfahrungen haben manche der Verhaltensweisen in uns trainiert und wenn wir in für uns gleichen Situationen mit einer Verhaltensweise Erfolg haben – aus unserer Sicht Erfolg haben – , dann werden wir diese Verhaltensweise wiederholen.

Wir üben uns also gewissermaßen in verschiedenen Verhaltensweisen. Und bauen damit für uns in manchen Kontexten und Umständen für uns erfolgreiche Bündel von Verhaltensweisen zusammen.

Jetzt kommt das für viele Schockierende: Diese persönlichen Bündel an Verhaltensweisen überlappen sich mit den für Persönlichkeitsstörungen typischen Bündel.

Ich mit hohem IQ, systemischer Abstraktion und gutem Sprachvermögen (eine narzisstische Aussage) bin durch dieses Selbstbild mehr macchiavellisch geprägt als histrionisch. Drama-Queen (histrionisch) bin ich nur, wenn es meinen Zielen dient. Mich als narzisstische zu bezeichnen tue ich, weil es meinem Ziel, hier den Sachverhalt darzustellen, dient.

Bin ich deswegen eine Reinkarnation von Niccolo Macchiaveli? Nein. mein Leben wird nicht von diesen Verhaltensweisen in besonderer Weise geprägt. Auch bin ich nicht in besonderer Weise unflexibel oder in besonderer Weise unangepasst. Und auch mein Umfeld leidet nicth darunter, da ich mir narzisstisch selbst vormache auch empathisch zu sein und meinen Mitmenschen mit genereller Wertschätzung begegne.

Begegne ich IMMER und ALLEN mit genereller Wertschätzung? Nein, bei Weitem nicht. Denn ich versuche flexibel zu sein. Verhaltensflexibel zu sein.

Verhaltensprofile

Jeder hat also seine geübten und typischen Bündel an für Menschen typische Verhaltensweisen. Jeder hat in der Regel in verschiedenen Kontexten und verschiedenen Umständen ein Profil an Verhaltensweisen, die er anwenden kann.

Für Menschen typische Verhaltensweisen
Verhaltensprofil in einem Kontext unter bestimmten Umständen

Hier im Netzdiagramm ist ein solches Verhaltensprofil dargestellt. Es sind nur mehr zufällig ausgewählte Dimensionen von Bündeln von Verhaltensweisen auf den Strahlen dargestellt. Null in der Mitte würde heißen, dass man diese Verhaltensweisen gar nicht zur Verfügung hat. Der blaue Rand bei plakativen 90% zeigt eine hier willkürliche Grenze, die eine Diagnostizierbarkeit einer PS anzeigt.

Und der orange Bereich zeigt das verfügbare Verhalten, wie es sein könnte. Das Beispiel hier zeigt, dass diese Person in diesem Kontext, diesen Umständen und der aktuellen Lebensphase am ehesten Anteile von Narzissmus, Histrionismus und Suchtverhalten in seinem Verhalten zeigen wird.

Ist diese Person eine süchtige und narzisstische Drama-Queen? Nein, ganz und gar nicht. Aber derjenige mag halt gerne Schokolade, findet, dass ihm Schokolade zusteht und jammert halt auch gerne ein wenig, dass ihm die Schokolade nicht guttut.

Persönlichkeitsstörung ist dann doch ein wenig anders…

Wertschätzung

Wenn also eine Gruppe sich einig ist, dass ein anderer absoluter Narzisst ist, dann kennt diese Gruppe diesen anderen halt in Kontexten und Umständen, wo derjenige für Menschen typisch Verhaltensweisen zeigt, die diese Gruppe dem Narzissmus zurechnet.

Heutzutage ist es unter anderem durch Social Media getrieben schick geworden bei jedem alles zu diagnostizieren. Aber Social Media hat mit Wertschätzung per se sehr wenig zu tun. Wieder eine narzisstische Aussage, die nur ein Narzisst tätigen kann, der andere Social Media Süchtige heruntermachen möchte, um selbst besser dazustehen.

Nein. Es ist meine Aussage. Und der Appell, doch die Kirche im Dorf zu lassen.

Wenn jemand irgendwelche typischen Verhaltensbündel an jemand erahnt, kann er doch, statt es als Brandmarkung zu verstehen, auch einfach sein wohlwollendes Verhalten darauf abstimmen und Handlungsalternativen anbieten.

Auf diese Art und Weise haben alle mehr Verhaltensflexibilität und können somit mehr Optionen im Leben erschaffen.

Ist das nun Bashing oder ist es Wertschätzung?