Dissoziation aus psychologischer Sicht

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Der Begriff Dissoziation beschreibt in der Psychologie die Trennung von Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten, welche normalerweise assoziiert sind. Hierdurch kann die integrative Funktion des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung und der Identität beeinträchtigt werden.
— aus Dissoziation (Psychologie) auf Wikipedia

Diese Begriffsklärung haben wir bereit bereits im Beitrag Dissoziation aus NLP-Sicht erörtert. Das Konklusio dort war:

Assoziation heißt also, in den Gedankenstrukturen hat das eine mit dem anderen zu tun. Dissoziation bedeutet also, in den Gedankenstrukturen hat das eine nichts mit dem anderen zu tun.

Dann sind wir in dem Artikel weiter gegangen und haben aus NLP-Sicht die sprachlichen Hinweise dieser Loslösung der Gedankenstrukturen betrachtet: „Man tut etwas.“ versus „Ich tue es.“ – Hier findet also quasi eine „Depersonalisierung“ der Ereignisse rund um mich statt.

In der Psychologie gibt es noch eine weitere Stufe der Komplexität, die im NLP so nicht vorkommt: Teile. Teile gibt es im NLP sehr wohl, und es gibt großartige Interventionen, die in der Arbeit mit Teilen verwendet werden. Aber diese Psychologische Sicht der Dissoziation gibt es im Standard-NLP nicht.

So kann z.B. eine massive emotionale Überforderung dazu führen, dass sich Teile im Unbewussten abspalten. Soweit sind sich NLP und Psychologie noch einig. Diese Teile werden am besten wieder in das gesamte Unbewusste integriert. Auch hier sind sich alle Ansichten noch einig. Extrem abgespaltene Teile heißen als Krankheitsbild dann Schizophrenie. Auch da sind sich alle einig.

Wo jetzt der Unterschied kommt: Manche Teile sind so stark abgespalten, dass sie ein Eigenleben entwickeln, eigene Lernerfahrungen haben. Diese Teile, obwohl massiv dissoziiert, reden dann auch vom „ich“. Sie sind also aus NLP-Sicht assoziiert. Auch wenn sie aus Dissoziation stammen, und tatsächlich eigene Werte, Metaprogramme, etc. haben können. Also eigene Persönlichkeitsmerkmale aufweisen können.

Schizophrenie und Teile

Als Schizophrenie (von griechisch σχίζειν s’chizein „spalten, zerspalten, zersplittern“ und φρήν phrēn „Geist, Seele, Gemüt“) wird eine Gruppe schwerer psychischer Krankheitsbilder mit ähnlicher Symptomkonstellation bezeichnet. Im akuten Krankheitsstadium treten bei schizophrenen Menschen eine Vielzahl charakteristischer Störungen im Bereich der Wahrnehmung, des Denkens, der Ichfunktionen, des Willens, der Affektivität, des Antriebs sowie der Psychomotorik auf.
— aus Schizophrenie auf Wikipedia

Sind wir jetzt alle schizophren, weil wir ja alle das eine oder andere mal massiv emotional überlastet gewesen sind? Nein, natürlich nicht. Die sehr drastische Definition aus Wikipedia zeigt klar, dass es sich um ein ernsthaftes Krankheitsbild handelt.

Haben wir alle diese Persönlichkeitsteile abgespalten, in unserer Überforderung? Ja, selbstverständlich. Wir alle. Dissoziation ist wichtiges Schutzinstrument. Wir sind alle gut darin.

Tun uns unsere Teile weh? Manche ja. Andere sind wiederum harmlos, oder sie werden ohnehin nie aktiv weil wir die auslösenden Situationen erfolgreich meiden.

Beispiele für dissoziative Störungen:

  • Bei einem Trauma­opfer wechselt die Erinnerungsfähigkeit an das traumatische Erlebnis ungewöhnlich stark.
  • Ein Mensch hat noch während eines traumatischen Ereignisses das Gefühl, sich in je eine „agierende“ und eine „beobachtende“ Person zu spalten.
  • Ein Vergewaltigungsopfer hat noch nach Jahren psychogene Schmerzen im Unterleib, obwohl das auslösende Ereignis aufgrund einer traumatisch bedingten Amnesie nicht erinnerbar ist.

— aus Dissoziation (Psychologie) auf Wikipedia

Wir alle haben also Teile, die vom „ich“ reden, aber nicht ganz „ich“ sind. Hat wer ein Problem damit, das einfach so zu akzeptieren?

Dann hat sich wohl gerade ein Teil aktiviert, der auf den Selbstschutz bedacht ist, und solche Konzepte erst mal aus Prinzip ablehnt. Und das ist ja auch okay.

Ist es automatisch ein Teil, wenn ich das Konzept ablehne? Nein, natürlich nicht. Es ist ein Konzept. Und das mag für dich nicht passen.

Somit bin ich also nicht frei von Teilen, wenn ich das Konzept mit den Teilen annehmen kann? Nein, natürlich auch nicht… 😀

Da war ich völlig außer mir…
— alte Redewendung

Tja, diese Redewendung bringt es schön auf den Punkt. „ich“ (assoziiert) war „außer mir“ (dissoziiert).

Was passiert dabei? Es wird ein Teil aktiviert, der gerade keinen Zugriff auf die Ressourcen wie Erfahrung und Kompetenz hat, und damit mit den auftretenden Emotionen nicht umgehen konnte.

Wie kommt es dazu? Irgend ein Reiz hat aus Auslöser gedient, und der damit den Teil aktiviert.

Wann ist es vorbei? Wenn die Situation vorbei ist oder der aktivierte Teil sein Ziel erreicht hat. Und dabei kann er in der Zielerreichung recht radikal vorgehen. Eben „außer sich sein“.

Das Thema ist komplex. Somit: To be continued…