Der Schatten

Mein Schatten

Sehr geehrter Mr. Edward Hyde,

ich habe eben über die Archetypen des Carl Gustav Jung gelesen, und bin dabei auf die sogenannten Schatten gestoßen. Wikipedia sagt dazu:

Der Schatten eines Menschen enthält nach Jung, was seinem positiven (naiven) Selbstbild und seiner ‚Theatermaske‘ (Persona) entgegensteht. Des Schattens ‚Dunkelheit‘ – vom Ich-Bewusstsein aus gesehen – ist auch seine Unbewusstheit, und außer ‚Bösem‘ können aus dem Schatten auch positive Entwicklungsimpulse kommen.

Wenn das mal kein haarsträubender Unsinn nicht ist, oder doch? Schon nicht wahr?

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Henry Jekyll

Im Artikel „Wahrnehmung ist Projektion“ habe ich ja schon erwähnt, dass die Projektion ein Schutzmechanismus ist. Das was aktuell in mir selbst zu schmerzhaft ist, das projiziert mein Unbewusstes auf andere. Derart kann ich beginnen mich mit manchen Themen zu beschäftigen und neues Wissen erwerben, ohne meiner eigenen Rolle in diesem meinem Thema zu nahe zu kommen.

Das nennt die Psychologe manchmal auch Dissoziation, und das wird etwas sein, das uns in diesem Blog noch öfters beschäftigen wird.

Und bei den Schatten geht es, der Definition auf Wikipedia entsprechend, um etwas ähnliches. Was nicht mein – für mich positives – Selbstbild ist, ist dieser Schatten. Der andere. Dieser Mr. Hyde.

Schattenarbeit

Was ist jetzt aber ein Schatten? Ein Schatten ist ein Teil des Unbewussten, dessen Existenz dem Bewussten im Grunde unbekannt ist. Manchmal mag das Bewusste entschieden haben, diesen Teil zu ignorieren, da er ganz und gar nicht in das Weltbild passen mag. Dann spricht man von teilbewusst, denn das Wissen ist ja prinzipiell zugreifbar. Nur mag das Bewusste nicht hinschauen, nicht auf dieses Wissen zugreifen.

Und dann gibt es Schatten-Teile des Unbewussten, die stehen derart dem Weltbild der restlichen Teile des Unbewusste entgegen, dass schon das Unbewusste entschieden hat, diese Schatten zu ignorieren und zu verdrängen. Dann hat das Bewusste tatsächlich keinen Zugriff darauf, und dieser Schatten ist also völlig unbewusst.

Wikipedia formuliert das sinngemäß so: Als Teilbereich der Psyche eines individuellen Menschen umfasst der Schatten nach Carl Gustav Jung un- oder teilbewusste Persönlichkeitsanteile, die häufig verdrängt oder verleugnet werden, weil sie dem Vorstellungsbild das das Bewusste vom Selbst hat entgegenstehen: Des Schattens Natur lässt sich in hohem Maße aus den Inhalten des persönlichen Unbewussten erschließen, und deshalb ist Schattenarbeit zugleich auch Bewusstwerdungsarbeit am persönlichen Unbewussten.

Persona/Bewusstsein/Schatten

Das Diagramm von Wikipedia zeigt schön was im Bewussten ist, wie der Schatten außerhalb des Bewussten liegt, und auch die sogenannte „Persona“ wird gezeigt. Die Persona ist das, was das Bewusste von sich selber hält, bzw. wie es sich gerne sehen würde, ohne das diese Eigenschaften tatsächlich vorhanden sind. So halten sich die meisten von uns z.B. für intelligenter als wir tatsächlich sind, und für sozial umgänglicher als wir tatsächlich sind.

Lasst uns mal ein praktisches Beispiel durchgehen, um die Theorie der Schatten etwas zu veranschaulichen. Das Beispiel ist „übersimplifiziert“, um das Wesen des Schattens klar zu zeigen, reale Beispiele sind in ihrer Natur detailreicher und damit komplexer.

Nehmen wir also an wir haben genetisch identische eineiige Zwillinge, die gemeinsam aufgewachsen sind. Beide Zwillinge sind mit den gleichen Vorstellungen von Moral und Ethik aufgewachsen, und sind gute, sich unterordnende Mitglieder der sozialen Gemeinschaft geworden, die alle ihre Pflichten brav wahrnehmen.

Bei einem der beiden Zwillinge ist das Wissen darum, dass er gerne viel Geld hätte, teilbewusst vorhanden. Im Prinzip weiß er, dass er lieber auf alle sozialen Regeln pfeifen würde, und sich selbst auf Kosten anderer Geld beschaffen würde. Das heißt ja noch nicht, dass er bereit wäre anderen aktiv zu schaden, aber in ihm schlummert für das Bewusste greifbar die Bereitschaft Regeln zu übertreten, um sich Geld zu beschaffen. Nur ist das für seine ihm anerzogenen Werte absolut inakzeptabel, und darum verdrängt er dieses Wissen um seine eigene Natur.

Dem anderen Zwilling ist seine Gier nach Geld völlig unbewusst. Er ist zwar in seinen Werten identisch mit seinem Zwilling, inklusive der nicht ausgelebten Gier nach Geld. Nur hat er keinerlei Ahnung davon, dass eine sehr starke Triebfeder in ihm Geld ist.

Nun gut, es geht hier im Beispiel „nur“ um Geld. Sollen sie halt alle beide Zwillinge mal mehr arbeiten als ihnen gut tut, sollen sie mit Schwarzarbeit den Staat betrügen, oder beim nächsten Gebrauchtwagenverkauf dem Käufer mehr abknöpfen als der alte Wagen wert ist. Das sind Alltagsdelikte, über die wir moralisch einwandfreien Mitmenschen geflissentlich hinwegsehen.

Was aber wäre, wenn sich die Gier der Zwillinge nicht um Geld drehen würde, sondern um Sex mit Minderjährigen? Dann wären die beiden tickende Zeitbomben.

Und hätten sie das Wissen um ihre Neigungen bewusst – statt teilbewusst und unbewusst – könnten sie sich, als gute Mitglieder der Gesellschaft, damit auseinandersetzen, und Maßnahmen ergreifen. Dafür, oder dagegen.

Wie also Wikipedia so schön zusammenfasst: Schattenarbeit ist Bewusstwerdungsarbeit am persönlichen Unbewussten.

Und es geht bei den wenigsten von uns darum tickende Zeitbomben zu entschärfen. Es geh vielmehr darum zu erkennen, was tief in uns drinnen unsere Triebfedern sind. Und diese Bedürfnisse in unser „normales“ Leben zu integrieren. Wie schon gesagt: Schatten können etwas sehr Positives sein, uns sehr viel Energie und damit Glaubwürdigkeit im sozialen Umfeld geben.

So viel also zur Theorie. Jetzt geht es in der Praxis darum Ideen zu kriegen was die eigenen Schatten sein könnten. Und sie Stück für Stück bewusst werden zu lassen. Und ökologisch gute Wege finden, sie ins tägliche Leben zu integrieren.

To be continued… 🙂