Wahrnehmung ist Projektion

Alle Wahrnehmung ist nur Projektion

Projektion

Das Wort ‘Projektion’ kommt von lateinisch proicio, was ‘hinwerfen’ und ‘vorwerfen’ bedeutet. Auch der psychologische Begriff der Projektion kann umgangssprachlich grob als „(unbewusster) Vorwurf“ übersetzt werden, und als ein „Hineinsehen“ von etwas in eine Person oder Situation, was dort nicht oder nicht im vorgeworfenen Ausmaß vorhanden ist.
— aus Projektion (Psychoanalyse) auf Wikipedia

Projektion ist also ein Vorwurf. Vielleicht mag der Begriff „Vorwurf“ in vielen Situationen hart klingen. Und doch ist eine Projektion eine Kategorisierung inklusive der impliziten Behauptung, diese Kategorisierung stimme.

Ein Beispiel, um zu verdeutlichen, was gemeint ist: Du gehst frühmorgens vor mir über die Straße, und ich beobachte dich dabei ganz zufällig und absichtslos, da wir uns ja gar nicht kennen. Dabei erkenne ich ganz unbewusst, dass du deinen Kopf gesenkt hast, und die Schultern nach vorne ziehst.

Aus der Beobachtung ziehe ich, ohne es zu wollen, den Rückschluss, dass du wohl einer derer bist, die ihren Job frustrierend finden und ihr Leben nicht im Griff haben.

Diese meine Wahrnehmung ist eine klassische Projektion. Aus einigen wenigen – bewusst oder unbewusst – wahrgenommenen Details schließe ich, dass du und auch dein Leben einem gewissen Zustand habt.

Dabei sagt der Begriff Projektion nichts darüber aus, ob die zugrunde liegende Beobachtung verifizierbar ist, oder nicht. Die Projektion „Du bist ein Mensch“ ist vermutlich einfach verifizierbar. Die Projektion „Du hast dein Leben nicht im Griff“ könnte auf manche Teilaspekte des Lebens zutreffen, aber die Projektion wird nicht mal dort verifizierbar sein.

Wahrnehmung

Wenn ich also bewusst oder unbewusst meine verschiedenartigsten Kategorien über alles stülpe, das es bis in mein Bewusstsein schafft, dann ist alles das ich wahrnehme eine Projektion. Und eine Projektion ist somit das was ich schon bin, was ich schon kann, was ich schon weiß, was ich schon erfahren habe.

Alle meine Wahrnehmung ist daher was ich schon in mir habe. Sehe ich das allererste mal eine Flamme, dann sehe ich nur ein Licht, das ich schon aus einer Erfahrung mit beispielsweise der Sonne kenne. Die Sonne ist schön und fein und warm.

Ich werde also etwas Schönes, Feines und Warmes wahrnehmen. Und ich werde meine Wahrnehmung noch bestätigt sehen, weil ich in der Nähe der Flamme ja auch noch die angenehme Wärme spüre. Nie im Leben würde ich jetzt jemanden glauben, dass eine Flamme gefährlich sein kann. Totaler Unsinn.

Bis ich dann einmal in die Flamme greife, aus welchen Gründen auch immer. In Bruchteilen einer Sekunde wird mein Schmerzempfinden mir die Lernerfahrung schenken, dass ich mit Flammen echt vorsichtig zu sein habe.

Erst ein gebranntes Kind scheut das Feuer, heißt es doch so schön.

Ab diesem Moment ist meine Projektion wenn ich eine Flamme sehe verändert. Ich werde mit der neuen Lernerfahrung nie mehr das unschuldige Bild einer Flamme haben, denn es ist jetzt immer dieser Respekt dabei.

Alles das ich wahrnehme ist das, was ich schon in mir habe.

Mögliche Lernerfahrungen

Projektion bezeichnet in der Neurosenlehre allgemein − und von Schulen unabhängig − einen Abwehrmechanismus. Der Begriff Projektion umfasst das Übertragen und Verlagern eines innerpsychischen Konfliktes durch die Abbildung eigener Emotionen, Affekte, Wünsche und Impulse, die im Widerspruch zu eigenen und/oder gesellschaftlichen Normen stehen können. Eine solche Projektion richtet sich auf andere Personen, Menschengruppen, Lebewesen oder Objekte der Außenwelt.
— aus Projektion (Psychoanalyse) auf Wikipedia

Das was ich wahrnehme, wenn ich dich frühmorgens vor mir über die Straße gehen sehe, ist also etwas, das in mir schon vorhanden ist. Es mag mal aktiv gewesen sein, und ist es schon lange nicht mehr. Oder es ist gerade brandaktuell (um auf die Flamme aus dem anderen Beispiel oben zu verweisen) in meinem Leben sein. Aber es ist auf jeden Fall in mir.

Diese meine Wahrnehmungen verraten mir also einiges über mich. Ich kenne es fröhlich zu sein, ich kenne es frustriert zu sein. Welche Wertigkeit hat Fröhlichkeit zu Frustriertheit gerade in mir, wenn ich überwiegend fröhliche Menschen um mich herum wahrnehme?

Anders herum gedacht verrät es mir auch eine Menge über mich, was ich nicht wahrnehme. Wie kann ich echt tiefe Verzweiflung sehen, wenn ich diese Erfahrung nie gemacht habe? Wie kann ich Liebe und Wertschätzung erkennen, wenn ich diese Erfahrung noch nicht gemacht habe?

Und zum Schluss noch eine Hausaufgabe, etwas zum Nachdenken: nehmen wir an, ich habe Erfahrung mit gewissen Dingen. Egal welchen Dingen. Ich sollte sie also wahrnehmen können. Und doch nehme ich sie nicht wahr, obwohl mir andere berichten, dass das was ich kenne da gewesen ist.

Ist dies alles für mich so unbedeutend geworden, dass ich es nicht mehr zu sehen brauche? Oder ist das vielleicht eine derart große Baustelle in meinem Leben, die mein Unbewusstes vor mir lieber verdrängt, als zu riskieren, dass ich mich damit auseinander setze?

Wie gesagt: nur zum Nachdenken. Wo zwischen den beiden gerade dargestellten extremen Positionen mag deine Realität in welchen dieser Szenarien liegen?