Die drei Gunas und der Glauben

Für alle, die schon den ersten Beitrag zu den Gunas „Die drei Eigenschaften der Urmaterie“ gelesen haben, und die jetzt verstehen, dass die Volksweisheit „Du bist, was du isst“ viel inneres Wissen enthält, für die geht es hier in diesem Beitrag um einen weiteren wichtigen Aspekt, wie sich Gunas im meschlichen Leben auswirken.

Jedes Guna begünstigt eine eigene Art, einen eigenen „Style“, wie Glauben – also Religiosität oder Spiritualität – gelebt wird. Aber der Glauben kann sich neben Religiosität oder Spiritualität auch durch andere Fanatismen oder Extremismen zeigen und derart gelebt werden. Süchte, Psychosen, Neurosen und viele andere Eigenheiten der Psyche können mit spezifischen Gunas in Verbindug gebracht werden, und werden im traditionellen Ayurveda auch durch Ausgleich der Gunas unterstützend behandelt.

Also schauen wir uns an, was das genau heißt.

Die drei Gunas

In allem vedisch orientierten Denken besteht alle Materie aus drei grundlegenden Prinzipien oder Eigenschaften: Tamas (Trägheit, Dunkelheit und Chaos), Rajas (Rastlosigkeit, Bewegung und Energie) und Sattva (Gleichgewicht, Harmonie und Frohsinn). Und es sind immer alle drei Gunas vorhanden, allerdings in unterschiedlichen Qualitäten und Quantitäten.

So sind die drei Gunas, die ihrer Untrennbarkeit wegen auch Triguna genannt werden, in allen Menschen und in allem menschlichen Verhalten enthalten. Und daher auch in aller persönlichen Entwicklung und allem individuellen spirituellen Wachstum.

Und in Entwicklung und Wachstum unterscheidet man zwischen den drei Arten der Lehrer (wörtlich in Sanskrit: Guru) und den drei Arten der Schüler. So wie generell und übergeodnet in der Religiosität und der Spiritualität drei Arten zu erkennen sind. Alle Kategorisierungen können jeweils den drei vorherrrschenden Guna zugeordnet werden.

Die drei Arten der Spiritualität

Die Überschrift sagt „Spiritualität“, während ich darin „Religiosität“ nicht erwähne. „Spiritualität“ ist für mich, gelebte Selbstbestimmung bei zugleich genommener Eigenverantwortung. „Religiosität“ ist für mich, von einem anderen „höheren Wesen“ in irgendeiner Form abhängig zu sein, und ggf. sogar einen Vermittler zu diesen Wesen (Priester oder ähnliche Funktion) zu erwarten.

Ja, ich weiß: Alle Religiösen werden sich selbst als selbstbestimmt und eigenverantwortlich wahrnehmen. Nein, ich werde meine Sicht der Dinge hier nicht näher diskutieren.

Was also sind aus Sicht der drei Gunas die drei Arten der Spiritualität?

Rajassig Glaubende vertreten die unumstössliche Ansicht, ihr Glaube – ihre Sicht der Welt – ist die einzig wahre Sicht. „Ich“ und „meins“ sind die vorherrschenden Triebgründe, alle Stufen von Fanatismus und Verschlossenheit gegenüber anderen Denkansätzen sind typisch.

Sattvige Glaubende sind offen für andere Gedanken und anderm Glauben, und verstehen innerlich, dass allen Glauensrichtungen eine inner Art Weisheit mit positiver Absicht innewohnt. Sie sind nicht fanatisch, und gestehen allem eine Daseinsberechtigung zu, solange nicht die Rechte oder das Wohlergehen von direkt wie indirekt Beteiligten engeschränkt werden.

Tamassig Glaubende verehren niedrige Geister bzw. Geistesformen. Oder, dem Lehrbüchern zu Folge, verehren sie sogar schwarze Magie.

Aber was ist denn bitte eine niedrige Geistesform, oder schwarze Magie? Lasst uns zum Verständnis dessen die drei Arten der Schüler und die drei Arten der Lehrer anschauen.

Die drei Arten Schüler

Die folgenden Textpassagen sind sinngemäss direkt aus den Yogalehrerunterlagen der Sivananda Organisation entnommen.

Rajassige Schüler

Rajassige Schüler betreiben ihre spirituelle Praxis hauptsächlich dadurch, dass sie anderen predigen, und davon erzählen was sie selbst nicht alles tun, obwohl sie dies jedoch in der Regel gar nicht tun. Sie sind immer bereit jemandem zu bekehren, ohne echte eigene Erfahrungen oder Errungenschaften erzielt zu haben. Er ist ein Anhänger seines Lehrers, von dem er glaubt, dass dieser eine magische Formel besitzt, und dadurch auch den Schüler zu einem höherwertigen Menschen macht, der die Wahrheit kennt. Der rajassige Schüler sieht nicht über die unter Umständen nur vorgespielte Erscheinung seine Lehrers hinweg oder durch ihn hindurch.

Tamassige Schüler

Tamassige Schüler werden alle spirituellen Lehren falsch interpretieren. Er wird im Gegensatz zum rajassigen Schüler nicht versuchen andere zu bekehren, allerdings in sehr ähnliche Manier durch die falscg´he Lehre seine Überlegenheit demonstrieren, und das durchaus auch gerne einfach nur als Anlass für einen Streit oder verbalen Missbrauch nutzen.

Er wird, unabhängig von der Lehre, der er folgt, keine Fortschritte erzielen. Wohl aber davon reden, eben um seine spirituelle Überlegenheit zu demonstrieren. Der tamassige Schüler ist an Okkultismus und der Verwendung von Geistwesen interessiert. Er hat keine Unterscheidungskraft dafür, was noch angemessen ist, und was diesen Rahmen schon sprengt. Er erwartet, das sich anderen ihm unterordnen.

Von außen ist es oft schwer zwischen dem Gehabe des rajassigen und des tamassigen Schülers zu unterscheiden. Faustregel: Hält er seine Vorträge, weil es ihm tatsächlich um die Erlösung der anderen geht, so ist es ein rajassiger Schüler. Hält er seine Vorträge, weil ihm das größere Anliegen ist, zu zeigen, dass er besser ist, dann ist es ein tamassiger Schüler.

Der Unterschied jedoch ist oft sehr klein, von außen gesehen. Dann hilft es, auf die Ernährung zu schauen. Ernährt sich der Schüler tamassig wird es meist ein tamassiger Schüler sein. Ernährt er sich rajassig wird es ein rajassiger Schüler sein.

Sattvige Schüler

Sattvige Schüler schaffen bereits früh ihre Leidenschaft für die Sache zu kontrollieren, und können damit einfach zwischen der Wahrheit und der unwirklichen Illusion unterscheiden.

Der sattvige Schüler hat auch akzeptiert, dass es keine magische Formel für die Selbsterkenntnis gibt, es keine „Instant-Erleuchtung“ oder „Kundalinierweckung im fünf Minuten“ gibt. Vielmehr weiß er, dass er an sich selbst arbeiten darf, und alles Nötige schon vorhanden ist. Er lebt Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, und ist bereit alles als Lernerfahrung anzunehmen.

Die drei Arten Lehrer

Jeder Schüler kommt in die Situation, sich in einer Sache erfahrener zu fühlen, als seine Mitmenschen es sind. Dann hat er die Gelegenheit als Lehrer aufzutreten.

Der rajassige Lehrer

Rajassige Lehrer haben keine Schüler, sie haben Anhänger und Fans, und wollen verehrt werden. Diese Lehrer haben keine dauerhaften Schüler, sie sind nicht – wie gute Lehrer – dauerhaft für ihre Schüler da. Eher werden sie nur zu mehr oder weniger unregelmässigen Zeitpunkten für Inszenierungen verfügbar sein.

Sie lieben es sich selbst zu inszenieren, und stellen jede Gelegenheit mit ihnen sein zu dürfen als theatralischen Höhepunkt dar. Sie täuschen und manipulieren ihre Anhänger geschickt, um nicht nur Anerkennung sondern oft auch gemässigte finanzielle Zuwendungen zu erhalten – nicht zu hoch, um nicht wirklich verbindlich etwas leisten zu müssen.

Sie trachten danach die Menschen durch Macht über deren Emotionen kontrollieren zu können. Dabei setzen sie durchaus gezielt – bewusst oder unbewusst – Methoden einerseits aus der schwarze Kiste der Manipulation oder sogar Methoden des psychologischen Missbrauchs ein.

Zeremonien, Rituale und oft fixe Regeln für scheinbare Selbstreflexion sind Kennzeichen dieser Lehrer.

Der tamassige Lehrer

Der tamassige Lehrer verbreitet eine falsche Lehre, die sich in der Regel über die Zeit häufig ändert, und sich derart durchaus auch selbst widerspricht. Der Lehrer wird dies durch seine rapide Weiterentwicklung rechtfertigen.

Er verstrickt sich oft in verschieden Arten schwarzer Magie, Voodoo, verschiedenen für ihn bedeutsamen Symboliken und Anrufungen von Geistwesen. Dieser Lehrer erwartet von allen, dass sie Opfer bringen. Der rajassige Lehrer wird Opfer zu seinem Vorteil erwarten, während der tamassige Lehrer Opfer erwartet, die dem Schüler und oft dessen Umfeld in der einen oder anderen Art weh tun.

Tamassige Lehrer setzen oft auch Sexualitätr ein, um damit den Kreis seiner Schüler zu binden, da sie in der Regel glauben, darüber mit niemanden mehr reden zu können. Wenn sie selbst mit ihren Schülern Sexualität leben, ist dieser eher rajassig zu sehen. Wenn sie ihre Schüler dazu anleiten untereinander in Austausch zu treten – durch sexualmagische Rituale oder z.B. Paartausch und andere Praktiken, für die das Umfeld wenig Verständnis hat – dann ist dies einem tamassigen Lehrer zuzuschreiben.

Der sattvige Lehrer

Der sattvige Lehrer wirkt sehr ruhig, er ruht in sich selbst underlebt innere Stille. Er eignet sich sein Wissen sowohl selbst als auch durch andere Lehrer an. Seine tatsächlichen Erfahrungen stimmen mit seinen Lehren überein, und er lebt sein Leben kongruent mit dem Wissen, das er an seine Schüler weitergibt.

Der sattvige Lehrer lässt seine Schüler ihre eigenen Erfahrungen machen, und nimmt keinem von ihnen die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung ab. Dabei unterstützzt er jederzeit mit Hingabe wenn erforderlich.

Der Lehrer und seine Schüler lernen miteinander und voneinander, und derart entfalten sie sich miteinander.