Ebenen der Persönlichkeitsentwicklung nach Clare Graves

Clare W. Graves (* 21. Dezember 1914 in New Richmond, Indiana; † 3. Januar 1986) war ein US-amerikanischer Professor für Psychologie und Begründer der Ebenentheorie der Persönlichkeitsentwicklung.
— Wikipedia zu Clare W. Graves

Graves‘ Ebenetheorie der Persönlichkeitsentwicklung wird oft auch als Werteentwicklungsmodell bezeichnet.

Werte sind nicht als schöngeistige Prinzipien im Sinne einer philosophischen
Wertediskussion zu verstehen, sondern als neuropsychologisch vorhandene,
hochwirksame Motivatoren für bewusstes und unbewusstes menschliches Verhalten.
Einfach ausgedrückt sind Werte das, was uns wichtig ist. Werte motivieren uns.
Werte können bewusst oder unbewusst wirken.

Was ist mir wichtig?

Als kleiner Säugling, lange vor den ersten Worten, war mir wichtig, dass ich gut versorgt bin: Ich mit Nahrung versorgt bin, ich schlafen kann, ich mit Liebe versorgt werde, dass es mir gut geht.

Dann habe ich mich vom Säugling zum Baby entwickelt, meine Augen begannen scharf zu sehen und meine Ohren klar zu hören. Mir wurde die Verbindung zu den wichtigsten Menschen wichtig, mit Mama und Papa immer gut verbunden zu sein, ich wollte dazu gehören im Familien-Clan.

Als Kleinkind dann wurde mir wichtig, dass ich meine Grenzen auslote, alles ausprobiere, und alles einforderte, was mir in dem Moment gerade wichtig war.

Im Kindergarten dann – inmitten der Schar der Kleinkinder die alle ihre akuten Bedürfnisse einforderten – wurde mir wichtig, dass es Regeln gab, und alle sich daran hielten. Das machte es in der Gruppe einfach gut mit allen auszukommen und derart gut leben zu können.

Als dann die Teenagerjahre begannen, und die meisten Altersgenossen wieder in Kleinkindmanier recht rücksichtslos ihre ureigenen Bedürfnisse umsetzten, wurde mir wichtig, innerhalb des Interpretationsspielraumes der geltenden Regeln für mich positive Ergebnisse zu erzielen. Naja, meistens halt. Manchmal vielleicht auch ein bisschen kKleinkind.

Dann wurde das andere Geschlecht interessant, und mir wurde wichtig, dass wir alle gleich sind und verbunden sind. In der großen Gruppe der Menschheit dabei zu sein, in Harmonie eins zu sein mit allen Lebewesen, und für alle gleiche Rechte gelten, war mir wichtig geworden. Liebe ist auf ganz andere Art wichtig geworden.

Und als dann eigener Nachwuchs da war ist mir wichtig geworden, dass für alle ein Modus gefunden wird, der einfach dafür sorgt, dass das Leben funktioniert. Mir war plötzlich wichtig, dass das Leben für alle passt und auf diese Art eine Harmonie einkehren kann. Win-win Situationen sind wichtig.

Entwicklung der Werte

Und so haben sich meine Werte – das, was mir wichtig ist – entwickelt. Von einer Entwicklungsstufe zur nächsten. Je nach Situation hatte jede der Wertentwicklungsstufen ihre Vorteile undr auch Nachteile. Und das hat jede Stufe noch immer. Stufe für Stufe.

Der Begründer der Ebenentheorie der Persönlichkeitsentwicklung, Clare W. Graves, hat diese Werteentwicklungsebenen schon lang beschrieben bevor ich als Säugling damit begonnen habe, dass mir mein eigenes Überleben wichtig war.

Die Ebenentheorie der Persönlichkeitsentwicklung ist unter anderem hier gut nachzulesen. Clare W. Graves hat dabei auch vorhergesagt, dass – wenn jemand in eine Lebenskrise gerät – jeder in die tiefste Entwicklungsebene fallen wird, in der er bedingt durch seine Entwicklung Defizite hinzunehmen hat (also Über- oder Unterentwickelung der Werte).

Ein Beispiel: jemand der als Kleinkind seine Grenzen nicht erobern durfte wird später in Krisen in dieses rücksichtlose Verhalten der Befriedigung seiner Bwedüfnisse zurückfallen.

Es liegt also nahe, dass jeder ein Interesse daran hat, seine Defizite in der Werteentwicklung auszugleichen, und zu lernen jede der Ebenen der Persönlichkeitsentwicklung harmonisch und ausgeglichen leben zu können.

Clare W. Graves hat noch etwas in seiner Theorie als für sehr wichtig empfunden. In Ebene 1 geht es um „mich“, mein Überleben. Ebene 2 hat den Familienverbund im Fokus, das „wir“. Ebene 3 hat „meine“ Bedüfnisse im Mittelpunkt. In Ebene 4 geht es um das Miteinanderm also das „wir“. Ebene 5 ist „mein“ Erfolg, Ebene 6 ist „wir“ alle sind eins in der Liebe, Ebene 7 hat das Ziel, dass es „mir“ am besten geht wenn es für alle passt. Auf „ich“ folgt „wir“ folgt „ich“ folgt „wir“, usw. Individuum, Gruppe, Individuum, Gruppe, …

Verschiedene Werte, verschiedene Ebenen, alternierender Fokus. Also auch verschiedene Methoden, um die Werteentwicklung der jeweiligen Ebenen voranzutreiben.

Graves-Levels

Graves #1 – „Überleben“ – individuumsorientiert
Das erste Wertesystem stammt aus der Zeit der Steinzeitmenschen, der Zeit der Jäger und Sammler. Elementare Überlebenswerte haben Vorrang: z.B. Nahrung, Wasser, Wärme, Sex und Unterkunft
Das Leben ist hier reine Anpassung an die Natur. Die Sinne (sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken) sind viel schärfer als im modernen „Denk-Menschen“. Das eigene Selbst wird nur schwach wahrgenommen, die ganze Aufmerksamkeit liegt nach Außen auf der sinnlichen Wahrnehmung.
Graves #2 – „Sicherheit und Identifikation“ – gruppenorientiert
Die Entwicklung führt die menschliche Rasse weiter in die Erfahrung des Stammes-
Lebens. Der Mensch ordnet sich dem Stamm und dem Häuptling unter und bekommt Sicherheit. Auch die Ältesten, die weisen Frauen, Schamanen & Medizinmänner werden geehrt. Nun kann er z.B. ruhig schlafen und andere wachen. Als Ausgleich setzt er/sie sich voll für den Stamm ein und identifiziert sich mit ihm. Zum ersten Mal erweitert sich die individuelle Zeitachse um die Vergangenheit. Auf der Graves1–Ebene lebte der Mensch in der Gegenwart. Im Graves2-Weltmodell hat der Stamm eine Vergangenheit. Die Ahnen gehören zur Identität eines Stammes und indem diese geehrt werden, wird die Identifikation und Einheit des Stammes gestärkt.

Schätzungsweise 10% der erwachsenen, westeuropäischen Bevölkerung sind hauptsächlich in Graves2-Werten zentriert. In anderen Regionen auf der Erde sind Graves2-Werte noch wesentlich stärker ausgeprägt.

Graves #3 – „Macht und Kraft“ – individuumsorientiert
Hier entwickelt der Mensch erstmals ein individuelles Selbst. Das Selbst befreit sich aus der Identifikation mit der Gruppe und drückt sich impulsiv und egozentrisch aus Dies ist die Werteebene der Helden, Ritter und Cowboys. Wichtige Werte sind: Stärke, Ehre, Mut, Macht, Respekt bekommen, cool sein, unnachgiebig sein, Durchsetzungsvermögen, den „Kick“ suchen
Die Schattenseiten dieser Werteebene sind: Andere ausnützen, sich rücksichtslos nehmen, „teile und herrsche“
Wenn Menschen in Graves3 zentriert sind denken sie: „Die Welt ist rau und hart. Nur der Stärkste überlebt“. Durch diese Weltsicht verhalten sie sich oft hart, aggressiv und gewissenlos.

Schätzungsweise 15% der erwachsenen, westeuropäischen Bevölkerung sind hauptsächlich in Graves3-Werten zentriert. In anderen Kulturen ist diese Werteebene teilweise noch sehr dominant.

Graves #4 – „Ordnung und Autorität“ – gruppenorientiert
Wie bekommt man Kontrolle über Raufbolde und Cowboys? Hier entwickelt in der Menschheitsevolution die Gesellschaft nun erstmals allgemeingültige Regeln und Gesetze. Der Einzelne glaubt an Gerechtigkeit und an die von der Gesellschaft akzeptierten Autoritäten, so dass Recht und Ordnung hergestellt und die Cowboys gezähmt werden. Das Faustrecht wird durch ein allgemeingültiges Regel- und Gesetzeswerk ersetzt. Wichtige Werte dieser Ebene sind: Wahrheit, Gerechtigkeit, Genauigkeit, Ehrlichkeit, Gründlichkeit, Kontrolle, Disziplin, Gehorsam, Zuverlässigkeit, Ordnung, Loyalität, Stabilität, Klarheit, Struktur, Gewissheit, Pflicht
Hier gibt es zum ersten Mal den Staat, der für die Familien und den Einzelnen Struktur, Ordnung und Rechtsicherheit herstellt. Der Mensch ordnet sich der Autorität des Staates unter. Seine Pflichterfüllung verspricht ihm späteren Gewinn.

Schätzungsweise 30% der erwachsenen westeuropäischen Bevölkerung sind heutzutage hauptsächlich in Graves4-Werten zentriert. Noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Graves4-Werte die zentralen Werte der westeuropäischen Gesellschaften.

Graves #5 – „Leistung und Gewinn“ – individuumsorientiert
Der Einzelne erkennt in Graves #4 den Sinn von Recht und Ordnung an und beginnt nun gleichzeitig nach persönlichem Erfolg zu streben. Er sieht die Welt voller Möglichkeiten und Chancen. Regeln und Gesetze werden „zielorientiert interpretiert“ und teilweise gebogen. Trotzdem werden Gesetze und Regeln grundsätzlich akzeptiert, denn in der Evolution der Werte werden immer alle früheren Werteebenen integriert. Wichtige Werte der Graves #5–Ebene sind: Erfolg, unternehmerisches Denken, Herausforderung, Wohlstand, Gewinn, Ziel- und Ergebnisorientierung, „Der Beste sein“, Wachstum, ausgezeichnete Leistungen, Wettbewerb, Belohnung, „größer und besser“
Menschen mit einer Graves5-Zentrierung möchten sich mit anderen messen und zeigen, dass sie mehr als andere können. Sie möchten gesellschaftlich weiterkommen, sind karriereorientiert und streben Erfolg und Wohlstand an. Mit den Werten der Ziel- und Ergebnisorientierung liegt der zeitliche Fokus neben der Gegenwart zum ersten Mal auch auf der kurzfristigen Zukunft.

Schätzungsweise 30% der erwachsenen westeuropäischen Bevölkerung sind hauptsächlich in Graves5-Werten zentriert.

Graves #6 – „Team und Gemeinschaft“ – gruppenorientiert
Aus gesellschaftlicher Sicht bewirkt die Entwicklung der Graves #6-Werteebene eine Rückbesinnung auf menschliche Werte und eine Gegenreaktion auf die Leistungs- und Profitorientierung der Graves #5-Werteebene. Hier liegt der Fokus auf Menschlichkeit, Gefühle, Beziehungen und Gruppenharmonie. Wichtige Werte sind: Team, Kollegialität, Harmonie, Beziehungsfokus, einfühlsam sein, Gleichheit, Verständnis für andere, Friede und Liebe, Konsens, Gruppen-Wir-Gefühl, Zustimmung aller einholen, Gemeinschaft, Networking.
Menschen mit Graves #6-Zentrierung haben Friede und Liebe als wichtigste Werte. Begegnungen, Personen und Beziehungen sind wichtiger als die Sache. Gefühle auszudrücken und authentisch zu sein, drückt diese Menschlichkeit aus. Die Schattenseiten der Graves6-Ebene können z.B. sein, dass Personen außerhalb der eigenen Gruppe polarisiert werden und Graves6-zentrierte Menschen unrealistisch, idealistisch und übermäßig gefühlsorientiert werden und „den Bodenkontakt“ im Leben verlieren können.

Schätzungsweise 15% der erwachsenen, westeuropäischen Bevölkerung sind hauptsächlich in Graves #6-Werten zentriert.

Graves #7 – „Freiheit und Lernen“ – individuumsorientiert
Nach Clare Graves beginnt mit der siebten Ebene eine neue Oktave des nach oben offenen Wertemetamodells. Die Graves7-Werteebene ist die Ebene des Systemdenkens. Die eigene Persönlichkeitsentwicklung tritt nun erstmals selbstbezüglich in den Fokus der Motivation. Auf der Graves7-Ebene wird konstruktivistisch erkannt, dass jeder Mensch sich seine Realitätssicht selbst konstruiert. Um sich persönlich weiterzuentwickeln strebt der Mensch in der Graves7- Weltsicht einerseits die Freiheit aus dem Gruppenzwang der Graves6-Ebene an, andererseits kann er sich in den unterschiedlichsten Gruppen zu Hause fühlen. Er möchte sich selbst verwirklichen, aber nicht auf Kosten der anderen. Das Denken wird langfristig und strategisch. Gleichzeitig ist das Denken abstrakter und wird mehr von Ideen und Konzepten geprägt (dem Intuitions-Stil nach Jung, 1921). Wichtige Werte sind: Systemdenken, Freiheit, Wissen erweitern, Persönlichkeitsentwicklung, Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit, Vision, Überblicksdenken = das „Big Picture“, Einzigartigkeit, Lernen, Synergie, Inspiration, Zusammenhänge erkennen, Kompetenz, Funktionalität, Nützlichkeit, langfristige Strategien, Flexibilität, Raum für Vielfalt und individuelle „Wahrheiten“
Graves #8 – „Nachhaltigkeit und globale Einheit“ –
gruppenorientiert
Menschen mit Graves8-Zentrierung sehen die Erde als einen ganzheitlichen Organismus. Das altruistische Zugehörigkeitsgefühl der Ebenen Graves2, Graves4 und Graves6 wird hier auf die ganze Menschheit und auf den ganzen Planeten ausgeweitet. Die zentralen Werte der Graves8-Ebene sind: Ganzheitliches/globales Denken, Nachhaltigkeit, Biosphäre, Synthese, Integration, zum Wohle allen Lebens, Transzendenz, Biodiversität, Nachwelt und zukünftige Generationen, globale Verbesserung, langfristige Konsequenzen, Weltfrieden, holistische Sicht, Balance (emotional/spirituell)

Prozentual spielen in der erwachsenen, westeuropäischen Bevölkerung die Ebenen #1, #7 und #8 keine Rolle, und sind praktisch nicht existent.

Siehe dazu auch hier als exzellente Quelle für weitere Details zu den Graves-Levels.