Prägung, Modellierung und Sozialisierung


Many couples feel pressure to stay in a marriage that is not working for the sake of their kids’ well-being. They forfeit their own happiness in favor of raising well-adjusted children, untouched by the challenges that come with divorce.
— aus 3 Things That Happen When You Stay Together “For The Kids”

Der Artikel oben wurde mir auf Facebook vorgeschlagen. Und ich habe den Artikel sogar gelesen. Was sind denn diese drei Dinge, die da passieren?

  1. Your children will internalize your behavior towards one another.
    Deine Kinder werden das Verhalten dem anderen gegenüber verinnerlichen.
  2. Resentments will build – and not only between yourself and your partner.
    Die Verbitterung wird sich verstärken – nicht nur zwischen dir und deinem Partner/deiner Partnerin.
  3. Your children will be living in a place of conflict.
    Deine Kinder werden lernen und daran gewöhnt sein am Ort des Konfliktes leben.

Und der Artikel schließt mit dem Appell:

Don’t show your children how to settle for almost-good-enough.
Mach deinen Kindern nicht vor, mit beinahe-gut-genug zufrieden zu sein.

Gut, das da ist ein Artikel, der dafür gemacht ist, auf Facebook geteilt zu werden. Wenn ich das Thema hier aufgreife, dann um mehr Substanz und mehr Hintergrund dafür zu geben. Und meine Sicht kundzutun.

Und das bringt uns zu den Entwicklungsphasen von Kindern und Jugendlichen:

0 bis 6 Jahre: Prägung
7 bis 13 Jahre: Modellierung
14 bis 20 Jahre: Sozialisierung

Das heißt jetzt selbstverständlich, dass Kinder bis einen Tag vor dem siebten Geburttag zu 100% geprägt werden, und ab dem siebten Geburtstag zu 100% ins Modellieren übergehen, usw. Schlagartig, über Nacht, geschieht das.

Oder es bedeutet, dass Kinder in diesem Alter hauptsächlich gepägt werden, modellieren oder sich sozialisieren, die Übergänge fließend sind, und alles im Grunde jederzeit vorkommen kann.

Ich bin heute entscheidungsschwach geprägt, habe im Modellieren nicht erfahren wie Entscheidungen getroffen werden, und in meiner Sozialisierung alle zwischenmenschlichen Auswirkungen meiner Entscheidungsschwäche in meinen Alltag integriert. Darum, lieber Leser, liebe Leserin, triff deine eigene Entscheiung welche der beiden Varianten in den Absätzen oben wahrscheinlich richtig ist.

Back to Business: Was sind nun die Charakteristika jeder Phase, was gibt es dazu zu wissen?

Prägung, 0 bis 6 Jahre

Kleine Kinder haben noch keine eigenen Werte, haben keine Filtersysteme ausgeprägt (u.a. Metaprogramme) und keine Schutzmechanismen ausgeprägt. In den ersten Lebensjahren haben sie auch noch keinen inneren Dialog laufen, die innere kritische Fakultät sagt noch nicht automatisch zu allem erst mal „So ein Sch***!“.

Kinder sind in diesem Alter wie ein Schwamm, sie saugen alles auf was um sie herum passiert. Sie unterscheiden anfangs auch noch nicht zwischen „Du“ und „Ich“, alles ist direkt, frontal und zutiefst persönlich.

Um beim Beispiel aus dem eingangs reflektierten Artikels zu bleiben: Die Missachtung, die unterdrückte Aggression, das völlige Unverständnis das jede Interaktion der Eltern miteinander unter der Maske der Gewohnheit ausdrückt, all das landet direkt und ungefiltert im Kind.

Ein Kind bekommen, weil dann die Beziehung dann wieder funktionieren wird? Dann kriegt das Kind das schon von der ersten Zellteilung an im Mutterleib alles ungefiltert mit. Neurotransmitter sind überall im Körper, auch im ungeborenen Kind.

Kinder können sich nicht gegen all das wehren. Für sie ist eine ideale Partnerschaft die Partnerschaft der Eltern. Beide Elternteile verzichten darauf ihr eigenen Leben zu leben, und projizieren alle eigene Unzufriedenheit auf den Partner bzw. die Partnerin.

Das ist es, was die Kinder nachmachen werden. Und wir alle wollen eine Welt mit mehr und mehr beziehungsunfähigen und unreflektierten Menschen.

Unreflektiert? Ja. In so einer Beziehung kann mensch nur überleben, wenn er/sie jegliche Selbstreflexion einstellt. Damit stellt mensch auch sicher, sich nicht weiterzuentwickeln. Gepaart mit einer großen Portion „Sich-Selbst-Nicht-Spüren“. Und auch das ist etwas, von dem alle wollen, das die Kinder das übernehmen, weil sie auch gar nichts anderes kennen. Und persönliche Entwicklung kennen sie dann entweder gar nicht, oder nur in einem sehr fanatisiertem Kontext. Weil Fanatisierung wunderbar ins Spüren bringt.

Nicht spüren? Guckstu unter Dissoziation in anderen Beiträgen hier im Blog. Fanatisierung? Guckstu im Beitrag zum erzeugen von Teilen (Dissoziationen).

Modellierung, 7 bis 13 Jahre

Kinder haben jetzt im Großen und Ganzen ihre Filter- und Wertesysteme ausgeprägt und entwickelt. Sie beginnen jetzt, die Personen die sie zu ihrem Vorbild auserkoren haben zu modellieren: einfach auf bewusster und unbewusster Ebene alles nachmachen. Manchmal geschieht das Nachmachen sehr direkt, indem kleinste Tätigkeiten oder Verhaltensformen übernommen werden. Oder es passiert im größeren Rahmen, und der Rahmen bzw. das Schema für verschiedene Verhaltensweisen und Einstellungen werden übernommen.

Wenn also z.B. die Eltern wegen der aufgestauten gegenseitigen inneren Abneigung gegeneinander immer sofort den Rapport unterbrechen, sobald sie miteinander in Kontakt kommen würden, werden die Kinder dieses Verhalten übernehmen für alle Beziehungen die ihnen wichtig sein werden.

Mit dem durchschlagenenden Erfolg, dass ohne Rapport alle zwischenmenschliche Beziehung scheitern wird und nur auf emotional sehr unbedeutendem Niveau möglich sein wird. Was das Sich-Nicht-Spüren sehr gut unterstützt.

In einem früheren Artikel habe ich die Kommunikationspyramide abgebildet. Nur 7% der übermittelten Information ist das gesprochene Wort. Die verbleibenden 3% sind unbewusste Körpersprache und stimmliche Ausdrucksweise. Das sei nur noch mal erwähnt um auf die Wichtigkeit dieses Punktes hinzuweisen.

Sozialisierung, 14 bis 20 Jahre

Inzwischen ist aus dem Kind ein Jugendlicher geworden, und dieser Jugendliche hat begonnen sich von den Eltern und anderen kindlichen Vorbildern abzunabeln, und schafft sich sein eigenes Umfeld und einen eigenen Freundeskreis.

In dieser sozialen Interaktion bilden sich dann die sozialen Fähigkeiten aus, und die Interaktionen auf verschiedenen Ebenen werden geübt.

Ein weit verbreiteter Volksglaube ist, dass es okay ist, sich zu trennen, wenn die Kinder erst mal 14 Jhre alt sind. Dann gehen sie ja eh ihre eigenen Wege, und es kommt darauf an, sie bis dahin gut erzogen zu haben, damit sie ihren eigenen Weg so gehen, dass die Eltern stolz und zufrieden sein können.

Jaaaaaaa, genau so ist es auch. Wenn auch mit dem Wissen von oben mit sehr viel tieferer Bedeutung als es die VERANTWORTUNGSLOSEN und UNREFLEKTIERTEN Eltern bereit sind sich einzugestehen.

Verantwortungslos? Unreflektiert? Bin ich denn schon bei meinem Schlussappell? Ja. Leute, übernehmt eure Eigenverantwortung. Vor allem wenn ihr Kinder habt. Wenn ihr euer Leben verkorksen wollt, weil ihr zu feige seid, zu euch selbst ehrlich zu sein, dann macht das. Nur, wenn ihr Kinder habt, macht ihr aus eurem Fucked-Up-Leben auch ein Fucked-Up-Leben für eure Kinder.

Eure Kinder werden dann ein Leben lang versuchen ihre eigene Linie im Leben zu finden. So wie ihr gerade, wenn ihr hier in diesem Blog gelandet seid. Und ihr seid unter den Glücklichen, denn irgendwer hat euch mitgegeben, dass es irgendwann doch an der Zeit ist aufzuräumen.

Übrigens: Alkohol und Psychopharmaka sind viel einfacher handzuhaben, und helfen genauso.