Anscheinend normale Teile und emotionale Teile

Ein Teil der multiplen Persönlichkeiten wirkt oft recht stabil – er „regelt den Alltag“ und kann sich nicht an die seelischen Verletzungen erinnern.
— aus Wenn ein Mensch zum Schutz viele Ichs entwickelt der Zeitschrift Die Welt

Über Teile im Unbewussten, und die Annahme, dass sie zum Selbstschutz abspalten, habe ich hier schon einiges geschrieben. Jetzt möchte ich ein Erklärungsmodell aus der Psychologie vorstellen, das von Anscheinend Normalen Persönlichkeitsanteilen ANP und Emotionalen Persönlichkeitsanteilen EP spricht.

Es ist ein Erklärungsmodell, nicht die exakte Abbildung der menschlichen Seele. D.h. für viele Betroffene wird das Modell sehr gut funktionieren, auf andere scheint es weniger zu passen.

Bis vor einigen Jahren wurde das Phänomen meist als Multiple Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Inzwischen verwenden viele Wissenschaftler lieber den Begriff der Dissoziativen Identitätsstörung (DID). Denn zum einen ist eine wirkliche Kernpersönlichkeit nicht vorhanden, und zum anderen ist die „Dissoziation“ das markanteste Kennzeichen bei diesen Menschen.

Der französische Psychiater Pierre Janet prägte schon im 19. Jahrhundert die noch gültige Definition, dass es sich dabei um eine mangelnde Integration der Lebenserfahrungen handelt. Eigentlich zusammen erlebte Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen werden dabei unabhängig und isoliert voneinander gespeichert.

„Unabhängig und isoliert voneinander gespeichert“ ist das, was ich als „Abspalten“ bezeichne.

Dass DID häufig mit der Schizophrenie verwechselt wird, liegt daran, dass bei beiden Erkrankungen oft Stimmen gehört werden. Während das bei der Schizophrenie jedoch Halluzinationen sind und die Stimmen irrational, sind es bei DID die Stimmen der anderen Teilpersönlichkeiten. Sie sind ansprechbar und rational. Viele DID-Patienten haben außerdem gleichzeitig eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), da beiden Erkrankungen traumatische Erfahrungen zugrunde liegen. Doch nicht alle Betroffenen mit PTBS entwickeln umgekehrt Dissoziationen.

Menschen mit DID haben zutiefst traumatisierende Erfahrungen gemacht – meist seit frühester Kindheit. Frank Putnam vom US-National Institute of Health konnte in einer Studie zeigen, dass 96 Prozent der von ihm untersuchten Betroffenen oft schon vor dem fünften Lebensjahr lang anhaltender sexueller und körperlicher Gewalt ausgesetzt waren, meist innerhalb des engsten Familienkreises. Oft kam noch (emotionale) Vernachlässigung dazu.
Bei solchen Erfahrungen kann es sein, dass immer wieder belastende Alltagserlebnisse in Komponenten aufgespalten werden. Anders würden die Kinder ihr Leben nicht ertragen.

Soweit zur Theorie und den Ursachen, wie es zur Abspaltung von ANPs und EPs kommt. Nun folgt jedoch ein Absatz, der sehr starke praktische Bedeutung hat, und wichtig ist, um zu verstehen, wie die inneren Mechanismen der Betroffenen ablaufen:

Die ständige Dissoziation führt jedoch auch dazu, dass es keine zusammenhängenden und kohärenten biografischen Erinnerungen gibt, die normalerweise die Grundlage für die Identität bilden. Nach und nach bilden sich Teilpersönlichkeiten aus, die je nach Situation die Kontrolle übernehmen. Jede für sich hat nur beschränkten Zugang zu den Erinnerungen – und muss nur einen Teil der Belastung tragen.

Anscheinend Normale Persönlichkeitsanteile ANP und Emotionale Persönlichkeitsanteile EP

Ist eine oder mehrere Emotionen zu stark, sind sie also stark überfordernd, so spalten sie sich vom Unbewussten ab. Diese „Kapsel“ ist ein emotionaler Persönlichkeitsanteil.

Dieser EP ist abgekapselt, die damit verbundene Erinnerung, und vor allem die überfordernden Emotionen sind nicht zugreifbar. Wird diese Kapsel z.B. von einem fünfjährigen Kind geschaffen, so entspricht die soziale und emotionale Reife dieser Kapsel der eines fünfjährigen Kindes. Und da die Kapsel in der Regel inaktiv bleibt, oder eben nur selten aktiviert wird, hat der Inhalt der Kapsel auch wenig Gelegenheit sozial und emotional zu reifen, oder die überfordernden Emotionen zu verarbeiten und die Ereignisse anzunehmen und zu integrieren. Der Teil leibt im großen und ganzen fünf Jahre alt.

Der Rest des Unbewussten hat jetzt die Aufgabe anscheinend normal weiter zu funktionieren. Da der Zugriff auf die Emotionen und einige der Erinnerungen in der Kapsel nicht mehr möglich ist, steht dieser ANP vor der Aufgabe, das Weltbild „zurecht zu rücken“, damit es in sich konsistent ist.

Dazu muss der ANP in der Regel einiges Sachen löschen (verdrängen) und andere verändern (Generalisieren oder Verzerren), um eben diesen in sich geschlossenen Sinn wiederherzustellen. Diese Tätigkeit kann in sich so überfordernd sein, dass sich auch der ANP abspaltet vom Rest des Unbewussten, und sich als eigener Persönlichkeitsanteil weiter enwickelt.

Manchmal wissen die ANPs voneinander, sie teilen Informationen. Manchmal teilen sie Emotionen miteinander. Manchmal beides. Manchmal nichts davon.

„Da war ich plötzlich sehr traurig, ich weiß bis jetzt nicht warum.“

Da haben möglicherweise ANPs Emotionen, aber kein Wissen geteilt. Ein anderer ANP weiß hier ganz genau, woher die Trauer gekommen ist, nur behält er das Wissen für sich.

„Da hat mir wer gesagt, dass das oft vorkommt, und somit quasi normal ist. Es kann also auch alles bleiben wie es ist, ich muss gar nichts tun.“

Das ist eine typische Aussage von jemanden, der gerade sein Weltbild verzerrt. Und dafür Informationen verwendet, die bei genauerer Betrachtung viel Recherche brauchen würden. Aber das Weltbild wird rasch verzerrt und geschlossen, um die Grenzen der ANPs und auch EPs untereinander wahren zu können.

ANPs wie EPs ruhen wenn sie nicht aktiv sind. Und wenn sie nicht alles Wissen und alle Emotionen miteinander teilen werden sie sich nicht oder nur teilweise entwickeln, während sie ruhen. Daher benehmen sich erwachsene Menschen manchmal phasenweise wie zwölfjährige Kinder, da ist ein ANP oder EP aktiv, der gerade den Entwicklungsstand eines Zwölfjährigen hat. Wird dadurch Stress und ein Konflikt ausgelöst kann die Person in fünfjähriges Verhalten kippen. Dann ist eben ein ANP/EP aktiv geworden, der erst die emotionale Reife eines Fünfjährigen hat.

Persönlichkeitsanteile und verdrängte Emotionen

ANPs haben ja keinen Zugriff auf die verdrängten Emotionen mehr. Da sie den sozialen Alltag bewältigen wollen, brauchen sie aber einige dieser Emotionen. Aus den Erinnerungen an die Emotionen von früher, vor dem Ereignis, die zwar vielleicht verzerrt sind, aber zumindest nicht verdrängt, erzeugt dieser ANP dann eine Art Echo für die ursprüngliche Emotion, und arbeitet mit dieser neu erzeugten Emotion.

Insbesondere für Kinder funktioniert dies relativ gut, da sie ihrer Jugend gemäß viel Zeit haben, die Ausübung dieser Emotion wieder zu lernen. Erwachsene haben meist nicht mehr die Verhaltensflexibilität, um die verlorenen Emotionen wieder zu lernen. Sie werden, für andere wahrgenommen, nie mehr die selben wie vor dem z.B. Unfall (oder was immer das Ereignis war).

Eines haben Kinder und Erwachsene gemeinsam: Diese Emotionen sind nicht die wahren Emotionen, die sie mal hatten. Es sind nach besten Möglichkeiten geschaffene, oft verzerrte oder in Teilen getilgte Kopien davon. Erst wenn die Betroffenen daran arbeiten ihre ANPs und EPs zu verstehen und zu integrieren werden die ursprünglichen Emotionen wieder in ihrer Kraft verfügbar.

Ist das relevant? Höchst relevant. Ein massiv überforderndes Ereignis mit einer Person, die ein Kind liebt, also Eltern oder Großeltern, kann dazu führen dass diese Liebe – weil im Gegensatz zum Ereignis stehend – abgespalten wird. Liebe ist rekonstruierbar, aber hat nicht die Kraft echter Emotion. Wie viele Menschen heutzutage haben keine oder kaum Selbstliebe? Un das, obwohl fast jeder von sich selbst behauptet / sich vormacht sich selbst zu lieben?

Und wie viele Menschen haben einen schweren Konflikt mit einer Vertrauensperson, und verlieren derart ihre emotionales Vertrauen? Was sich auch im Selbstvertrauen widerspiegelt: Wie viele Menschen haben ein Thema mit Selbstvertrauen?

Nicht jeder, der ein Thema mit Selbstliebe oder Selbstvertrauen hat, hat damit auch mehrere ANPs ausgebildet. Wer selber bemerkt, dass er Dinge vergisst, oder das Feedback erhält, dass er Dinge vergisst ohne es selbst zu bemerken, der sollte sich mal fragen, ob er mit vielleicht mit seinen anderen Persönlichkeitsanteilen mal reden darf.

Emotionen sind die Triebfeder menschlichen Handelns. Wer mit verzerrten Kopien arbeitet verzichtet auf sehr viel Lebensqualität. Auch wenn der Weg ein weiter und steiniger Weg ist: Er ist die Mühen wert. Ich spreche aus Erfahrung, ich habe begonnen in zu gehen.

Dissoziation
(im hier gemeinten Sinne) ist eine natürliche, biologisch (neurophysiologisch) angelegte Fähigkeit der Psyche, durch die bestimmte eigene Gefühle, Empfindungen, Erinnerungen, Handlungen oder Gedanken dem Bewußtsein unzugänglich bleiben: sie werden abgespalten. Dissoziative Reaktionen verhindern eine Überflutung des Bewußtseins mit Reizen und verbessern dadurch die Reaktionsmöglichkeiten des Individuums in schwierigen Situationen.
— aus Dissoziation als Traumafolge