Die Entwicklungsstufen der Illusion

Willkommen zu meinem philosophischen Exkurs „Die Entwicklungsstufen  der Illusion“

Im philosophischen Exkurs zur vedischen Schöpfungsgeschichte habe ich erläutert wie beim vedischen Urknall aus dem kosmischen Ei Pralaya, der Singularität, das Universum Brahman und die Illusion Maya entstanden ist. Brahman, das maskuline Prinzip, steht für Struktur, für Ordnung und für Beständigkeit. Maya, das feminine Prinzip, steht für Leben, für Energie und für Veränderung.

Im philosophischen Exkurs zur Zusammensetzung der Illusion habe ich erklärt wie sich aus Sicht der vedischen Philosophie alle Materie, alle Energie und alles Verhalten zusammensetzt. Es gibt die drei Grundeigenschaften, auch Guna genannte, oder Triguna, weil immer alle drei Grundeigenschaften vorkommen, jedoch in verschiedenen Zusammensetzungen.

Diese drei grundlegenden Prinzipien oder Eigenschaften heißen Tamas, Rajas und Sattva.

  • Tamas steht für Trägheit, Dunkelheit, Chaos, Schwere, Faulheit, Interessenlosigkeit, fehlende Klarheit oder Erkenntnis und eine scheiternde weil zu chaotische Energie.
  • Rajas steht für Rastlosigkeit, Bewegung, Energie, Leidenschaft,  das Fordernde, Ambitionierte, Dynamische und vor allem für alles, was sich Aufmerksamkeit wünscht.
  • Und Sattva steht für Gleichgewicht, Harmonie, Zufriedenheit Frohsinn, Reinheit, Klarheit, Ruhe, Güte und wahren inneren Frieden.

Das soweit als kurze Wiederholung bevor wir jetzt in die Entwicklungsstufen aller Materie, aller Energie und allen Verhaltens tauchen. Es gibt in der vedischen Philosophie fünf Entwicklungsstufen der – ich sage jetzt einfach – Energie, und eine solche Entwicklungsstufe heißt in Sanskrit Tattva. Fünf Tattvas.

Jetzt wird für viele der Aha-Effekt kommen: Die fünf uralten Tattvas entsprechen ganz genau den fünf uralten Elementen, die wir in unserer westlichen Philosophie kennen: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther. Äther, manchmal auch Raum genannt, heißt in Sanskrit Akasha. Ein Begriff der aus den berühmt-berüchtigten Akasha-Chroniken bekannt sein dürfte.

Die Akasha-Chroniken stellen ja ein Buch des Lebens dar, in dem in nicht materieller Form ein allumfassendes Weltgedächtnis dargestellt ist. Alles für alle Zeit, Vergangenheit wie Zukunft, steht in den Akasha-Chroniken zu lesen. Leider nur für jene zugreifbar, die des Lesens in Akasha mächtig sind. Außer ein selbsternannten Weisen, die zugleich in der Regel auch selbstzertifiziert vollständig Erleuchtete sind, kann das meines Wissens nach niemand. Zum Glück lesen diese Weisen gegen Einwurf von Münzen und Scheinen, dem Treibstoff ihrer Erleuchtung, aus den Akasha-Chroniken vor.

Unsere Elemente entsprechen also den fünf Tattvas, die die Entwicklungsstufen aller Energie darstellen. Das tun unsere Elemente nicht, zumindest nicht in ihrer ursprünglichen, nicht um die Veda erweiterten, Sicht.

In der Veda gibt es fünf göttliche Aktionen, die immer und überall und gleichzeitig stattfinden. So wie die drei Gunas immer und überall und gleichzeitig da sind. Nur das Mischungsverhältnis variiert und damit die gerade herrschende Dominanz des jeweiligen Attributes.

Der Gott, der der Veda zufolge diese Aktionen ausführt, ist Siva. Zufälligerweise ist das der Gott der dem maskulinen Prinzip, also Brahman, entspricht. Und er setzt diese Aktionen in der Energie, der Materie, in allem Verhalten. Also in Maya, der Illusion, dem femininen Prinzip.

Diese fünf göttlichen Aktionen, die immer und überall und gleichzeitig stattfinden, sind, mit ihrem Sanskrit-Namen und ihrer Bedeutung:

  1. Shrishti. Manifestieren und erschaffen.
  2. Sthiti. Erhalten und adaptieren.
  3. Tamara. Auflösen und beenden.
  4. Tirobhava. Verbergen und vergessen.
  5. Anugraha. Befreien und vereinigen.

Als kurze Geschichte erzählt ist der Entwicklungszyklus wohl am einfachsten verständlich: Siva – oder in unserem Wording genauer gesagt: Brahman – gibt also als das reine Bewusstsein die Strukturen und die Ordnung vor, nach denen sich Maya verhält und sich entsprechend verändert. Diese vorgegebene Struktur und Ordnung zeigt sich natürlich in den Gunas, die ja die Grundeigenschaften von allem sind, das Maya ist.

Kurzer Zwischengedanke: Was tut Energie, wenn sie sich in keine Struktur einfindet? Sie zerstrahlt mit Lichtgeschwindigkeit in alle Richtungen, und ist damit schon weg, bevor sie wirklich da war. Energie, die sich in Struktur und Ordnung findet – wie zum Beispiel Atomkerne, Atome, Moleküle, Planeten, Sonnensysteme und Galaxien – ist beständiger und erfüllt derart philosophisch gesehen eine Art Auftrag eines Bewusstseins.

Brahman gibt also Maya die Struktur und damit welche der fünf Handlungen gerade wo dominiert. Immer alles gleichzeitig. Aber dennoch ist zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort eines der Guna und eine der Handlungen dominant.

Zuerst, in der ersten Aktion, wird etwas manifestiert und erschaffen. Ein Samenkorn in der Erde beginnt zu sprießen.

Danach wird in der zweiten Aktion etwas erhalten und adaptiert. Das gekeimte Samenkorn erhält Wasser und bleibt am Leben und adaptiert sich an seinen gerade gültigen Lebensplan, der ja in den Akasha Chroniken geschrieben steht. In der dritten Aktion wird dann etwas aufgelöst und beendet. Die Pflanze schließt ihren Lebensplan ab und trocknet und zerfällt unter dem Feuer der Sonne zu Staub. In der vierten Aktion wird etwas verborgen und vergessen. Die Bewegungen der Luft im Windstoß tragen den Staub der ehemaligen Pflanze in alle Richtungen davon. Es bleibt nichts von der Pflanze zurück, außer vielleicht ein paar widerstandsfähigen Samenkörner, die sie in ihrem Leben, ihrem Lebensplan folgend, geschaffen hat.

Hier, nach der vierten Aktion ist der Lebenszyklus von unbeseeltem Leben abgeschlossen. Geburt, Fortpflanzung, Tod, Zersetzung. Der Kreislauf des Lebens, „The circle of life“.

Eine Seele jedoch hat eine Aufgabe über viele Leben hinweg. Damit hat jedes beseelte Leben einen Teil dieser Gesamtaufgabe in jedem Leben zu erfüllen. Jedes beseelte Leben hat eine Mission, eine Bestimmung. Das ist es, wo dann die fünfte Aktion dominant wird.

In der fünften Aktion wird etwas befreit und vereinigt. Die Seele wird befreit und wieder mit dem Universum vereinigt, wenn ihre Aufgabe über alle Leben hinweg erfüllt ist. Ist ihre Gesamtaufgabe noch nicht erfüllt, wird die Seele aufgewertet für das nächste Leben, wenn sie ihre Aufgabe, ihre Mission, ihre Bestimmung in diesem gerade gelebten Leben erfüllt hat. Oder sie wird abgewertet und zurückgesetzt, wenn sie dies nicht getan hat.

Es wird also in den Akasha-Chroniken ein weiteres Kapitel festgeschrieben, die anderen Möglichkeiten fliegen raus. Eine Variante hat sich manifestiert. Und damit ergeben sich nur mehr dazu passende Möglichkeiten für das nächste Leben. Wird es ein besseres Leben werden? Das hängt davon ab, wie gut du deine Bestimmung in diesem Leben erfüllt hast.

Jetzt, nach dieser Geschichte, ist dir vielleicht klar geworden, warum ich immer auf dieser Aufgabe im Leben, dieser Mission im Leben, dieser Bestimmung im Leben herumreite: Das ist der Grund, warum du beseeltes Leben bist statt nur eine einfache Energieform, nur ein kurzes vergängliches Muster in der Illusion des Lebens.

Das ist der Grund, warum du eine Seele bist. Du hast einen Job zu tun: Finde heraus, was deine Aufgabe ist und erledige sie. Wenn du glaubst, es reicht, dass du deine Kinder versorgst und sie bespaßt, damit sie auch Kinder kriegen, wenn du glaubst, es reicht, dass du ein „gutes und ordentliches“ Leben lebst, mit einer Karriere, die deine Nachbarn für erfolgreich halten, dann begehst du dein Leben lang in jeder Sekunde die einzige wirkliche Todsünde, die es gibt: Du verrätst deine Seele.

Nicht nur dein Körper und dein Geist degenerieren, auch deine Seele entwertest du auf diese Art. Das ist der Grund warum Maya, das Leben, einfach Illusion genannt wird. Du darfst erkennen, dass deine Vorstellung von „Ich“ als abgetrenntes eigenes Wesen gar nicht real ist.

Deswegen den Schluss zu ziehen, dass das Ego, das Ich, aufgelöst werden müssen ist übrigens völliger Schwachsinn. Jag jeden Guru, der das mit der Ego-Auflösung propagiert, zum Teufel. Und erleuchte dein Ego, dein Ich, indem du hinter diese Illusion siehst, und dann erfülle mit deinem Ego, deinem Ich, deine Bestimmung. Das Ego aufzulösen ist das Dämlichste und im Grunde egoistischste, das jemand wollen kann.

Also komme in der Kommunikation mit mir nie – niemals! – mit einem Argument „Aber was sollen denn die anderen denken?“

Es kann nichts belangloser sein, als das, was die anderen denken. Wenn du auch nur einen Moment lang deine Nase aus deiner Komfortzone, aus deinem eigenen – mit Verlaub gesagt – Scheißhaufen herausstreckst, wirst du es wissen.

Wer sich nach einem Moment dieses Wissens wieder zurückzieht, der geht gerade in tiefschwarzem Karma unter, das er mal auszubaden hat. Auf inneren Konflikt folgt Krankheit, heißt es. Und viele der Krankheiten laufen unter dem Sammelbegriff „Zivilisationskrankheit“. Könnte da vielleicht ein karmischer Zusammenhang bestehen?

Du hast durch dieses Argument, was denn die anderen davon halten würden, zumindest für den Moment gerade, das Recht verloren wie beseeltes Leben behandelt und respektiert zu werden. Ganz klare Worte von mir, ich stehe dazu. Kontempliere das doch mal, geh in dich.

Zurück zu den Entwicklungsstufen von Maya, der Illusion. Das Samenkorn keimt in der Erde, braucht Wasser zum Leben, zerfällt dann im Feuer der Sonne um schließlich von der Luft als Wind zerstreut und vergessen zu werden. Beseeltes Leben hält dann Einzug in die zu diesem Zeitpunkt erst fixierten Teile der Akasha-Chronik.

Die fünf göttlichen Handlungen entsprechen also auf energetischer Ebene ganz direkt den fünf Elementen. Der Wille des Bewusstseins zeigt sich in der Ausprägung der Energie:

  • Erschaffen ist das Element Erde.
  • Erhalten ist das Element Wasser.
  • Auflösen ist das Element Feuer.
  • Vergessen ist das Element Luft.
  • Und die Vereinigung zeigt sich als Akasha.

Die Absicht des Bewusstseins zeigt sich also in den gerade vorherrschenden Elementen. Im kleinen Wirkungsbereich des menschlichen Bewusstseins zeigt sich das im Leben des Menschen, in seinen Taten und Nicht-Taten sowie deren Ergebnissen,  die der Menschen erhält. Im großen Wirkungsbereich des Universums zeigt sich das überall und zu jeder Zeit.

Was sind die Charakteristika der fünf Elemente, und wofür stehen sie in unserem Leben?

  • Erde, in Sanskrit Prithvi, steht für Bewahren, Sicherheit, Tiefe.
  • Wasser, in Sanskrit Jala oder Apas,  steht für Emotionen, Nähe und sanft fließende Bewegung.
  • Feuer, in Sanskrit Tejas oder Agni, steht für Handeln, Aktivität und harte Veränderung.
  • Luft, in Sanskrit Vayu, steht für Ideen, Austausch und für Verständnis.
  • Äther, in Sanskrit Akasha, steht Integration, Klarheit und Wissen im Sinne für tiefstes wortloses Verständnis.

Einen ganz großen Irrtum dürfen wir hier aufklären. Ein Irrtum, der in weiten Teilen in der sogenannten spirituellen Szene gemacht wird, und der nur offenbart, wie oberflächlich und nichtssagend diese Szene überwiegend ist: Bitte mach dir klar, dass das Element Erde und der Planet Erde nur den Namen teilen. Es sind zwei völlig unterschiedliche Konzepte.

Wenn du dich erdest, gehst du in Verbindung mit dem Planeten Erde. Der Planet Erde ist unsere lokale Quelle allen Lebens. Also unsere lokale Quelle von Maya. Und Maya ist alle Materie, Energie und Verhalten. Maya ist somit alle fünf Elemente. Sie werden in Struktur und Ordnung gehalten von der größten lokalen Manifestierung des reinen Bewusstseins. Das Ergebnis ist Erde, Mond, Sonne und unser Sonnensystem.

Wenn du dich erdest, gehst du also in Verbindung mit allen Elementen, mit Maya und mit dem reinen Bewusstsein. Und das bringt dich in deine Kraft und deine Ruhe, es bringt dich in deine Mitte.

Das mit dem Element Erde zu verwechseln, das auch das Merkmal des stabilen Ruhens hat, zeigt nur wie unreflektiert, unwissend und oberflächlich jemand in diesen Dingen ist. Punkt. Die Reise hat noch nicht mal begonnen, egal wie viel Geld und Zeit schon an Gurus gegangen ist. Und egal welch hohen Entwicklungsgrad die demjenigen schon bescheinigt haben.

Wer vielleicht neun Buchstaben kennt, bei vier davon nicht weiß, wie man sie ausspricht, der kann -nicht- Lesen. Egal ob der Lehrer sagt, dass der Schüler sehr bemüht ist und sich wirklich brav anstrengt. Derjenige kann -nicht- Lesen. Und, wenn der Lehrer selbst nur zwölf Buchstaben kennt, ist seine Aussage zur Anstrengung nichts wert. Darum auch ja mein Motto: „Be your own guru.“

Reflektieren, Kontemplieren und Meditieren. Drei mächtige Werkzeuge in einem eigenverantwortlichen und selbstbestimmten Leben.

Jetzt lasst uns abschließend noch mal zu den Gunas zurückkommen. Alles, also alle Materie, alle Energie und alles Verhalten setzt sich aus den drei Grundeigenschaften, den drei Gunas zusammen. Es sind immer alle drei Gunas vorhanden, jedoch ist die Zusammensetzung anders, es dominiert ein anderes Guna.

Somit bestehen auch die fünf Tattvas, die fünf Elemente aus den drei Gunas. Lasst uns somit explizit festhalten, in welchem Tattva welche Gunas dominieren:

  • Die Entwicklungsstufe Erde ist ganz klar der Grundeigenschaft Tamas zuzuordnen.
  • Das Element Wasser ist eine Mischung aus dominanten Tamas und dominanten Rajas.
  • Die Entwicklungsstufe Feuer ist ganz klar der Grundeigenschaft Rajas zuzuordnen.
  • Das Tattva Luft ist eine Mischung aus dominanten Rajas und dominanten Sattva.
  • Und  Akasha ist ganz klar der Grundeigenschaft Sattva zuzuordnen.

Wenn du also dein beseeltes Leben in eine Richtung von Integration in das Universum bringen möchtest, wenn dir tiefes Verständnis jenseits von Worten wichtig ist, dann orientiere dein Leben an Sattva und Akasha. Arbeite daran deine Mission im Leben zu erkennen und zu erfüllen. Reflektiere, Kontempliere, Meditiere. Entwickle dich und wachse.